Expeditionen in die innere Ordnung der Dinge

Die Arbeiten des 1962 in Leipzig geborenen Henrik Pillwitz haben eines gemeinsam, die frühen Landschaften und seinen vom Unmittelbaren des Gegenstandes wie schwebend sich lösenden Farbformen, den Lochkamerafotos ebenso wie seinen Zeichnungen: Es ist der Blick, der ausdauernd und geduldig auf den Dingen ruht, der sie fixiert und abwartet, bis sie ihre Ausstrahlung offenbaren. Es ist eine Art des Schauens, die an Sten Nadolnys Held in "Die Entdeckung der Langsamkeit" erinnert, der unendlich viel länger für die Betrachtung der Welt braucht als die anderen, aber dadurch belohnt wird, dass er auch auf berauschende Weise viel mehr wahrnimmt. Dieser Blick hält Pillwitz's Bilder zusammen wie ein gemeinsamer Fix- und Gravitationspunkt, der außerhalb der eigentlichen Arbeiten liegt. Er nähert sich dem Bildgegenstand - mit Vorliebe Steinen, geologischen Formen, Organischem - als Sammler, der nach Walter Benjamin ein "Physognomiker der Dingwelt" ist und in Dingen wie in einer Karte zu lesen versteht.

Immer geht es bei ihm, in den Landschaftsfotos, die wie Aufnahmen einer Forschungssonde wirken, ebenso wie in seinen malerischen Sammlungen und Schichtungen, um die Beziehungen der Dinge untereinander, ihre innere Ordnung, um das Muster, das sie bilden. So zieht sich die Haltung des Sammlers und Erkunders geradlinig durch die Biographie von Henrik Pillwitz, während er sich dem Malen als Beruf gewissermaßen auf Nebenstraßen und Umwegen näherte: Er arbeitete als gelernter Ton- und Beleuchtungstechniker an Leipziger Bühnen und studierte Elektrotechnik in Dresden, ehe er relativ spät 1993 ein Studium an der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst begann und anschließend noch drei Jahre als Meisterschüler bei Sighard Gille blieb. Aber schon als Kind brachte sich Pillwitz die lateinischen Namen von Pflanzen und Insekten bei, und wer will, kann darin die Vorarbeiten zu seinen heutigen Bildern erkennen. Nie war es Menschen, der ihn als Künstler interessierten, sondern immer das Geologische, Geographische, das Botanische, das Gewordene und nicht das Zugerichtete. Sein Buch, das Lochkamerafotos von Studienreisen nach Südafrika und in die Bretangne versammelt, trägt bezeichnenderweise den Titel "Ästuar", ein Begriff aus der Geowissenschaft für sich auffächernde, auf den ersten Blick chaotische und doch bestimmten Regeln folgende Flußmündungen, in denen sich Süß- und Salzwasser mischen. Diese Vorliebe für die diskrete Systematik der Natur ist bei ihm offenbar so manifest, dass selbst die überquellende Fleischlichkeit menschlicher Figuren in Sighard Gilles Bildern keinen Moment auf die Arbeiten seines Meisterschülers abfärbte. Selbst in dem Lochkamerabild vom Stahlgestänge der Leipziger Messehalle nimmt Pillwitz weniger die menschengemachte Konstruktion als vielmehr das pflanzenhafte Steigen und Verzweigen wahr - was übrigens auch ein Kompliment für den Architekt darstellt. Auch die abstrahierten Formen seiner großformatigen Bilder haben ihren Ursprung im Organischen und sind deshalb nie wirklich abstrakt; sie lassen an Traumlandschaften denken, an kanaldurchzogene Flächen, an die Kartographie einer weitläufigen inneren Welt. Sie beziehen ihren Reiz aus der reinen Imagination wie aus dem sinnlichen Reiz der Malerei. Pillwitz treibt seine Formen durch Übermalungen und Verdichtungen eher aus der Fläche heraus, als dass er sie umreißt. Schichtung von malerischem Material ist nicht nur ein Thema vieler seiner Bilder, sondern auch eine Methode, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Seine Zeichnungen, transparenter und leichter als die Malerei, wirken oft wie Aufzeichnungen, Notate seiner Umwelt, die zwischen Bildlichkeit und Schrift oszillieren. Alle seine verschiedenen Arbeiten weisen eine Verwandtschaft mit einer fast vergessenen Verbindung von Natur und künstlicher Ordnung auf: mit den Skizzenblöcken, Tagebüchern und Schaukästen von Naturforschern, die in den vergangenen Jahrhunderten den Ertrag ihrer Expeditionen festhielten und nach ihrer Rückkehr Serien farbiger Drucke auflegten und neue Karten zeichneten. Die berühmtesten dieser Arbeiten sind heute in naturwissenschaftlichen Museen zu finden, andere über die Antiquariaten der Welt verstreut, und wem die Entdeckung einer inneren Ordnung über das Äußere nicht fremd ist, der spürt noch heute den Nachklang des Expeditionsrauschs, wenn er ein solches Exemplar in den Händen hält.

Henrik Pillwitz' Bilder haben ihren Ursprung im Blick des Sammlers und Entdeckers, und sie stellen selbst eine offene Sammlung dar, der er immer neue Stücke hinzufügt.

Alexander Wendt

 
2019 © Henrik Pillwitz