Focus

Henrik Pillwitz Ausstellungseröffnung Galerie am Ratswall - Bitterfeld, 15.1.2004

Focus, aus dem Lateinischen kommend, bedeutete ursprünglich Feuerstätte, Herd und war so gesehen ein mythisch besetzter Ort, gebändigtes Element Feuer. Im Duden können sie vom Brennpunkt einer Linse lesen, von einem streuenden Krankheitsherd oder dem Mittelpunkt eines Diskurses.
Im Werk des Malers Henrik Pillwitz, von dem sie hier Arbeiten der letzten drei Jahre sehen, verschwimmen diese Bedeutungen zu einem Arbeitsprinzip, einem schöpferischen Herangehen. Etwas genau ansehen, in die Nähe holen, es ordnen und erforschen und es dabei zum Leuchten, zum Brennen, zum Funkeln zu bringen. Auf der Fläche sind das farbige Schichtungen von Vorgängen, Festschreibungen von Formen und Strukturen sowie deren Infragestellen. Bildtitel wie Segment, Schicht, Strang, Kanal, Lager, Focus deuten an was die Malereien entstehen läßt und wovon sie sprechen. Es geht um die Suche nach Ordnung, das Finden von Strukturen, verbundenen mit dem Verlangen, dem Gefundenen einen Sinn abzufordern, der sich im gleichen Moment jedoch immer wieder im Auseinanderbrechen von Ordnungen zu verlieren droht. Es gilt den Moment auf der Fläche festzuhalten, in dem des Chaotische, und sei es nur für eine kurze Zeit, in einer Struktur gebändigt ist. Und das hat nicht nur, wie man auf den ersten Blick meinen mag, mit dem Mikro- und Makrokosmos zu tun, nein, es bestimmt in gleicher Weise unser Leben als soziale Gemeinschaft wie unser Fühlen und Handeln als einzelner Mensch.
Henrik Pillwitz ist über Auseinandersetzungen mit der Landschaft zu solchen Fragestellungen gekommen, nachzuvollziehen hier an den beiden Papierarbeiten Cap, die an der Südspitze Afrikas entstanden sind. Auf ihnen kann man den Blick des Künstlers hinab vom Cape of Good Hope auf die windzerwühlte Oberfläche des Meeres verfolgen und sein Wollen spüren, dieses felsige Hinabfallen mit den schlagenden Wassern auf der Fläche in eine neue, geordnete Einheit zu überführen. Weitere, ähnliche Naturbeobachtungen, wobei extreme Sichten auffallen, die Ausschnitte dicht herangeholt werden oder der Blick von weit oben nach unten springt -hierbei kommt seinen Lochkamerafotografien eine besondere Bedeutung zu-, führen hin zu den Malereien, die sein Werk heute bestimmen.

Wir blicken auf Strukturen, die aneinandergewebt sind wie Zellen mit ihren Kernen und zugleich an Steine erinnern. Es gibt organisch Wucherndes, miteinander Verwobenes, neben Senkrechten und Wagerechten, die sich vorhangähnlich zu Netzen und Lineaturen schließen. Bei den Malereien Strang II, Schicht V, Segment II und Lager II, (mit denen sich dieser Ausstellungsraum öffnet) ist kaum auszumachen, ob die organisch aufbrechenden Formen die festeren Strukturen zerstören oder von diesen eingedämmt, überlagert werden. Irritationen, die nachdenken lassen. Geht es um das Setzen von Ordnungen oder die Lust, dem Chaos Raum zu geben? Ich denke, es geht um beides, da das eine ohne das andere kaum zu fassen wäre. Da ist einerseits das fast manische Wollen zu ordnen, zu begreifen, und andererseits die spielerische Lust am Durchbrechen jeder Ordnung. So schieben sich beispielsweise bei den Bildern Schicht V und Segment V -von der Seite bei dem einen, von Oben bei dem anderen-, lineare farbige Raster, die eine Art Strichcode suggerieren, über das, was auf den Bildern eigentlich passiert, über ihr kaum faßbares inneres Rumoren, Rauschen, Changieren, als könne ein solches jemals wirklich zur Ruhe gebracht werden... Selbst bei dem aus strengen senkrechten Farbstreifen wachsenden Bild Segment ist die von solcher Gestaltung ausgehende Ruhe nur vorübergehend. Als würde man unter die Oberfläche sehen, scheinen sich die farbigen Streifen ineinander zu verlieren, sich zu verwandeln und das Untergründige, hier im wirklichen Wortsinn als das, was darunter ist, scheint durch, wird irgendwann die ruhende farbige Struktur wieder aufbrechen, man kann es fühlen auch bei den anderen Arbeiten. Nichts läßt sich endgültig fügen, letztlich gehorcht jede Ruhe, jede Sammlung wieder dem Auseinandertreiben, dem Zerfall, der Zerstörung.

Es ist kein Widerspruch, dass die Bilder von Henrik Pillwitz selbst wieder Setzungen gegen einen solchen Verfall sind, Behauptungen, Selbstbehauptungen des Künstler, die Ruhe ausstrahlen, auch Schönheit, was ich mir hier zu sagen wage. Diese wird nicht zuletzt in den Schichtungen und Differenzierungen der Farbe offenbar. Meist Tempera und Acryl auf Leinwand, macht der gezügelte und gedämpfte Farbauftrag das tastende Suchen des Künstlers transparent. Oft ist es eine Kühle, die ins Leuchten aufbricht, ohne äußere Effekte. Orange gegen blaues und gelbes Grün, erdige Ockertöne und Rot. Und Schwarz, Schwarz als Fläche, als Urgrund, kann in diesem Werk zur undurchdringlich versiegelten Zone werden, oder in kleineren Formen verschlossen etwas öffnen, als wäre der dunkle Raum doch zu durchdringen, könne man hinabsehen, hinter den Vorhang blicken.
Bei Focus wirkt der blaue Kreis wie ein in die dichte Schwärze der Fläche geschnittenes Loch, klar und hell vom Dunkel getrennt. Bei genauerem Betrachten wird man gewahr, dass den wagerechten blaufarbenen Streifen im Kreis die Farbe davonzulaufen scheint, über die Linien "hinwegläuft" sie zu durchbrechen und man ahnt, auch die geometrische Form eines Kreises wird nicht vermögen, was nicht geht, den Augenblick festzuhalten, ihn zur Dauer zu erheben.
Andere Bilder scheinen vom Blick auf einen Monitor bestimmt. Die Malerei Sammlung VII, Reste tiefen Schwarz´, in das eine Art Bildschirm eingedrungen ist, beschrieben mit eigenwillig fremder Nachricht. Oder Schicht II und Schicht III daneben hängend, wie eine mutwillige Bildstörung, Störung unserer gewohnten Wahrnehmung, wieder Irritation, das eben noch sichtbar Gewesene verschlungen, dafür Farbklänge die auffordern anzuhalten, wieder neugierig zu werden, anders zu sehen und es sollte mich nicht wundern, irgendwann auf den Bildern dieses Künstlers ein Art Mandelbrot-Apfelmännchen zu finden, das beim sich immer wieder spiegelnden Blick in den Spiegel am Ende als Manifestation des Chaos erscheint und von dem aus sich wiederum faszinierende optische Unendlichkeiten auftun, ständiges Finden und wieder Verlieren...

Dr. Ina Gille

 
2019 © Henrik Pillwitz