Zur Eröffnung der Ausstellung von Henrik Pillwitz im Kunstverein Leimen, 2009


... Pillwitz Gemälde sind grundsätzlich auf dem schmalen Grad zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit anzusiedeln. Das Auge tastet ab, verweilt und mit der Zeit tritt nach der zeitversetzten Betrachtung eine Benennung der Formen ein. Man denke hierbei an geologische Formationen oder aus der Vogelperspektive gesehen Landschaften, die sich in den Bildtiteln Kulm, Hang, Areal, Damm usw. bestätigen. In anderen Bildern präsentieren sich eben diese Formen schwerelos im unbegrenzten und so undefinierten Raum. Diese scheinen für mich auf eine universale den Dingen innewohnende Ordnung, eine Struktur des Chaos hinzuweisen.

Insbesondere bei den früheren Papierarbeiten treten biomorphe Formen mit ebenso hohem Assoziationspotenzial auf. Man denkt hierbei an farblich markierte Energiefelder, visualisierte Bewegungsabläufe, eine theosophische Veranschaulichung des Geistigen oder eben auf organische durch das Mikroskop betrachtet. Alles in allem setzt Pillwitz seinen malerischen Fokus auf archaische Grundformen und Schichtungen, die unmittelbar mit unserem Sein zutun haben und stark in uns verortet sind. Dieses geordnete Chaos, die innewohnende Struktur oder die aus weitem Blickwinkel betrachtete Struktur unserer Welt, Räume und Beziehungen gilt es zu entdecken und wiederzufinden.

Dieses genaue Hinsehen und Erforschen scheint in der Persönlichkeit Henrik Pillwitz verankert zu sein und über das Medium Bild an den Betrachter weitergegeben zu werden. Gerne nehme ich den Vergleich auf, den ein Kollege den Arbeiten Henrik Pillwitz attestierte, mit Sten Nadolnys Held in "Die Entdeckung der Langsamkeit" erinnert, der unendlich viel länger für die Betrachtung der Welt braucht als die anderen.

Dieses grundsätzlichen Rationalität findet in der satten Farbigkeit ihre Gegenwirkung und sorgt so für einen emotionalen Ausgleich. Die Farbgebung der Bilder, deren gestischer Auftrag ist von einer außerordentlichen Eindringlichkeit. Üppig und kraftvoll rundet sie das dynamische Gewand der Bilder ab. Mit weit ausladenden Pinselschwüngen füllt Pillwitz das Aktionsfeld Leinwand, die durchaus eine temperamentvolle Persönlichkeiten erahnen lassen. Zuweilen geben geronnen Suren herabfließender Farbe oder Farbtropfen Ausdruck über diesen spontanen Malprozess.

Zunächst dachte ich, dass die Malereien von Ana Laibach und Henrik Pillwitz nicht unterschiedlicher sein konnten und sich der Reiz der Zusammenkunft in der Unterschiedlichkeit der künstlerischen Positionen äußert. Doch in den Grundzügen zeigen sich Überschneidungen. Beide nehmen mit einer außerordentlichen Sensibilität ihre Umgebung wahr und antworten darauf in ihren Bildern. Beide wirken mit ihren Bildern suggestiv, die eine erzählerisch, der andere durch eine bestimmte Formgebung, die im Grundmenschlichen verankert ist. Bei beiden ist eine malerische Vitalität in Farbe und Form festzustellen.

Beide zwingen uns zu einem Verbleiben in ihren Bildern, die wir als Betrachter nicht nur zu gerne zulassen. In dieser Hinsicht möchte ich abschließend gerne den Vergleich eines Kollegen aufgreifen, den dieser im Rahmen einer Ausstellungseröffnung zwischen Henrik Pillwitz und Sten Nadolnys Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit anstellt, und diese Vergleich auf Ana Laibach ausweiten. In beider künstlerischer Arbeit spiegelt sich das Fazit des literarischen Werks wider, dessen Held John Franklin unendlich viel länger für die Betrachtung der Welt benötigt als die anderen, und somit eine Poesie der Verantwortung und ein Lob auf die Besonnenheit liefert.“

Dr. Barbara Brähler
Kunsthistorikerin
 
2018 © Henrik Pillwitz