Zur Eröffnung der Ausstellung AREAL von Henrik Pillwitz in der Kunsthandlung Huber & Treff Jena, 2010


Bereits zum vierten Mal zeigt Henrik Pillwitz seine Arbeiten als Einzelausstellung in der Kunsthandlung Huber & Treff. So werden viele unter Ihnen sein, die seit 2002 (damals hatte die Ausstellung den Titel „Wald“) die Bilder, die Gemälde und Zeichnungen, vielleicht auch die Lochkamerafotografien von Henrik Pillwitz kennen. Zwangsläufig wird daher die Begegnung mit seinen neuen Arbeiten heute Abend vom Vergleich bestimmt sein, denn verändert hat sich in den jüngsten Bildern ganz offensichtlich einiges. Zunächst und auf den ersten Blick offenbart sich in dieser Auswahl (Öl / Leinwand) eine ganz neue Motivwelt (wenn der Begriff Motiv hier angebracht ist). Man hat das Gefühl, Henrik Pillwitz bisher selten so gegenständlich erlebt zu haben. In nur schwer definierbaren, unendlichen aber flachen Räumen schieben sich schwebend plattenartige Gebilde übereinander, meist geometrisch zugeschnitten, die sich aber, wenn man sie definieren will, wieder in Farbschichten, im Raum verlieren. In anderen Bildern wieder, vor allem in den kleineren Formaten, sind diese hart-scharfkantigen Formen noch flüchtiger, schieben sich wie ein Gestänge, wie kristalline Bildungen ineinander, lösen sich zu Farbstreifen auf und kommunizieren mit teils formlosen, teils räumlich-kantigen Einzelgebilden, wobei vor allem Quadrat und Kubus dominieren. Sehr bald schon offenbart sich ein Grundschema der Komposition, wobei all diese kraftvollen, sich durcheinander schiebenden Diagonalen um ein Kraftzentrum mehr oder weniger in der Bildmitte herum angeordnet sind. Auf dieses blickt man gewissermaßen von oben herab. Es ist wie eine Einsicht in eine vom Maler geöffnete Welt.

Das gilt auch für jene Ansichten, die den zwangsläufig beim Betrachter einsetzenden Prozess des „Erkennenwollens“ vollends irritieren. Aufsichten auf Gebäudestrukturen, Architekturen, Industrieareale, ganze Landschaften womöglich? Die Benennung wird vom den Bildtiteln noch unterstützt: Port, Lager, Areal, ... . Dann aber wieder stellt sich die Assoziation mit elektronischen Innenwelten ein: Leiterplatten, Schaltkreise, Verbindungen glaubt man zu erkennen. Die Frage: „Mikro“ oder „Makro“, das sich hin- und herbewegen zwischen diesen zwei entgegengesetzten Beobachtungsperspektiven, die schon immer eine Rolle spielte, wieder hier wieder besonders deutlich zum Thema gemacht.

Nur scheinbar deutlicher sind die unbestreitbar als Landschaften angelegten Ansichten wie SAUM und DAMM. Da stehen doch tatsächlich wirkliche Tannenbäume. Doch was sind das für Straßen oder Felder? Mit wirklich Gesehenem haben sie nur wenig zu tun. Hier nun fügt sich die gebrochene, sehr komplexe Farbigkeit, das gedämpfte Leuchten zu einer überwirklichen Vision von surrealer Qualität, die die Wahrnehmung abermals in Frage stellt. Ob man das in der Malerei traditionell zentrale und bedeutsame Sinnbild der auf den horizont hinführenden Straße auch hier wiederfindet, ob das dominierende Zackenmotiv als eine beunruhigende Komponente oder die Visualisierung eines wie immer gearteten Kraftfeldes oder Energieflusses funktioniert, sollte der Betrachter für sich entscheiden, in einer 1:1-Interpreation festgelegt werden sollte das sicher nicht.

Farbe und Farbauftrag sind nach wie vor dicht und in sehr vielen Schichten geradezu konzentriert. Als formales Mittel wird das Auge darauf gestoßen, wenn die Leinwände von der Seit gesehen werden: Die feste Ölfarbe hat auch an den Rändern körperhaft Gestalt angenommen, sie überlappt die Kanten und löst die Härte der Bildbegrenzung auf. Der gründliche, ausgiebige Malprozess zeigt sich dann weiter in den verschiedensten Techniken des Auftrags bis hin zu zarten, die Oberflächen überperlenden Lasur.

Die Verdichtung der Farbe stand in früheren Bildern von Henrik Pillwitz sehr häufig in Zusammenhang mit sich daraus ausformenden organischen oder – so wurde es richtiger immer bezeichnet – biomorphen Strukturen. Aderartige Systeme, vor allem aber Linien- und Streifenmotive haben auch bisher schon gelegentlich damit korrespondiert.

Jetzt geht es nicht mehr um biomorphe Strukturen, eher um geologische Formationen (Kulm) oder elektronische Anordnungen, doch geht man mit dem Suchen nach optischen Analogien hier schon zu weit. Eher handelt es sich wohl um eine autonome Chiffre, ein selbstständiges System, um Ordnungen, Zuordnungen und Verhältnisse abzubilden. Die letzte Frage wird sicherlich sein, ob es sich dabei um eine Analyse (also die Untersuchung von etwas Beobachtetem) oder einen eigenschöpferischen Entwurf eines Ordnungs- oder Struktursystems handelt. Wahrscheinlich muß diese Frage gar nicht geklärt werden, sondern schon das Erkennen dieser Fragestellung führt mitten hinein in die Auseinandersetzung mit den Bildwelten von Henrik Pillwitz, und dabei kann und sollte der Betrachter mit gutem Grund einige Zeit verharren.

Ein Indiz mag höchstens jenes Bild geben, das aus den verschiedenen Gruppen herausfällt. Die Ansicht eines hölzernen Verschlages oder Verhaus, Querformat, im selben flach gedrängten Raum vor hohem Horizont, die gleiche Aufsicht, bei der man als Betrachter direkt in den Mittelgrund des Bildes hineinstürzt: Es soll (nachfragen!) eine Reminiszenz an den Großvater sein, der einer Generation angehörte, in deren Biographie der Krieg unausweichlich und unauslöschbar, wie auch immer geartet, einen Eingriff und einen Eindruck hinterließ. In diesem Bild ist also eine Hütte, eine mit Vorhandenem zusammengezimmerte Behausung der Soldaten abgebildet, halb hineingeschoben in den Boden und schon fast wieder verwachsen mit der Landschaft. Von dieser eigenartigen Konstruktion mag eine Analyse ausgegangen sein, die dieses Lagern und Schichten weiterführt und zu als Aufbauprinzip für selbst entwickelte Formen und Strukturen anwendet.

Frühere Interpreten der Arbeiten von Henrik Pillwitz haben alle immer wieder als Grundprinzip seiner Arbeit die Auseinandersetzung mit Ordnungen, mit Systematiken und Strukturanalysen herausgestellt. Das bedeutet nicht, dass sie etwa alle voneinander abgeschrieben hätten. Tatsächlich bestätigt sich dies im Überblick über das Werk der letzten Jahre immer deutlicher: Immer geht es um die Auseinandersetzung mit Morphologie und Gestaltbildung, aus der nicht ein neuer, autonom entwickelter Bauplan und ein neues, eigenes Konstrukt abgeleitet , sondern, wie man hoffen darf, unerschöpflich viele, immer wieder neu angesetzt. Im Blick auf das Werk der letzten Jahre zeigt sich schon die Vielfalt der Möglichkeiten.

Mit welchen Mitteln das wohl geschehen wird? Henrik Pillwitz ist in erster Linie Maler. Seine Gestaltfindungen feiern auch die Malerei, das mit Farben gemalte Tafelbild, dessen Möglichkeiten offensichtlich schier unerschöpflich sind.

Dr. Angelika Steinmetz-Oppelland
Kunsthistorikerin
 
2019 © Henrik Pillwitz